Operation Tat-Type: Tattoos für den nuklearen Ernstfall

Operation Tat-Type: 1951 wurde rund 30.000 Menschen in Indiana ihre Blutgruppe tätowiert. Warum und was das mit dem Kalten Krieg zu tun hat, erzählen wir in diesem Artikel.

Anfang der 1950erjahre näherte sich der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA langsam aber stetig seinem Höhepunkt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag zwar erst wenige Jahre zurück. Doch „Ostblock“ und „der Westen“ stießen auf der koreanischen Halbinsel zumindest mittelbar zusammen. Hiroshima und Nagasaki hatten der Welt den Schrecken der nuklearen Bedrohung gezeigt. Fieberhaft arbeiteten Wissenschaftler in der Sowjetunion und den USA an immer neuen und stärkeren nuklearen Sprengsätzen. Gleichzeitig dachten andere Wissenschaftler über den Schutz der Bevölkerung nach, falls sich der „kalte“ in einen „heißen“ Krieg verwandelte.

Duck & Cover
Bert the Turtle

Duck & Cover

Die 1950erjahre waren gerade in den USA noch geprägt von einer gewissen Naivität gegenüber den Risiken der Radioaktivität. Der Umgang damit war ähnlich sorglos wie mit dem allgegenwärtigen Tabakkonsum oder der Begeisterung für Raketenwissenschaften. Für den Fall des Falles, so brachte Bert, die Schildkröte den Kindern bei, würde es ausreichen, sich zu drucken und zu bedecken, das bekannte „Duck & Cover“. Tatsächlich hatten amerikanische Wissenschaftler vor Ort in Hiroshima festgestellt, dass überwiegend jene Personen von Strahlungsschäden betroffen waren, die im Moment der Explosion aufrecht gestanden hatten.

Wandelnde Blutbanken

Doch die Überlegungen der amerikanischen Wissenschaftler gingen weiter. Für den Fall eines Angriffs auf die Vereinigten Staaten wären nach einem thermonuklearen Angriff Massen an Verletzten zu versorgen sein. Wer im Umfeld der Einschläge nicht durch Explosion und Strahlung getötet wurde, würde vermutlich großen Bedarf an anderer medizinischer Versorgung haben, z.B. Bluttransfusionen. Angesichts des andauernden Koreakrieges bestand in den Vereinigten Staaten auch eine erhebliche Knappheit an Blutkonserven. Amerikanische Wissenschaftler entwickelten deshalb die Idee der „Wandelnden Blutbanken“. Damit waren Bevölkerungsgruppen gemeint, deren Blutgruppe bekannt war und die man im Ernstfall im wahrsten Sinne des Wortes anzapfen konnte.

Von der Hundemarke zum Tattoo

Um diese wandelnden Blutbanken zu etablieren wurden Typisierungsprogramme aufgelegt. Nach Feststellung der Blutgruppe erhielten die typisierten Personen so genannte dog tags bzw. „Hundemarken“ wie Soldaten. Darauf waren relevante Informationen inklusive der Blutgruppe vermerkt. Bei Überprüfungen musste jedoch festgestellt werden, dass weniger als drei Viertel der typisierten Personen ihre Hundemarken auch regelmäßig trugen. Daher machte man sich Gedanken über eine etwas permanentere Kennzeichnung, die nicht versehentlich liegen gelassen werden konnte: Eine Tätowierung.

Operation Tat-Type

Unter der Bezeichnung Operation Tat-Type machten sich Verantwortliche der Lake County Medical Society in Lake County, Indiana an die Arbeit. Zunächst wurde 1951 die Blutgruppe von rund 1000 Freiwilligen auf der Lake County Fair typisiert. Die meisten dieser rund 1000 Freiwilligen waren auch bereit, sich die Blutgruppe titulieren zu lassen. Das Tattoo hatte die Größe einer kleinen Münze und  wurde unter dem linken Arm gestochen. Die makabere Überlegung dabei: So bliebe die Blutgruppe auch im Falle des Verlusts des Armes noch sichtbar.

CHICAGO TRIBUNE, 8/1/1950
CHICAGO TRIBUNE, 8/1/1950

Zu teuer für das US-Militär

Nach diesem erfolgreichen Auftakt erweiterten die Verantwortlichen die Typisierung und Tätowierung auf mehrere Grundschulen und später nahezu alle Schulen des Lake County. Im Sommer 1952 waren rund 30.000 Einwohner des Lake County typisiert und tätowiert. Dennoch konnte sich Operation Tat-Type nicht durchsetzen. Schon die Ausweitung in Nachbarregionen scheiterte am Widerstand der Bürger, die sogar religiöse Bedenken gegen die Tätowierungen vorbrachten. Auch das US-Militär lehnte die Einführung der Blutgruppen-Tätowierungen ab – dies allerdings offiziell aus Kostengründen. Möglicherweise scheute man aber auch die Erinnerung an die Militäreinheiten mit Blutgruppen-Tätowierung im Zweiten Weltkrieg: Die SS-Totenkopfverbände und die Waffen-SS.

Misstrauen der Mediziner

Auch die überwiegende Zahl der Mediziner war nicht begeistert. Sie hatten ganz erhebliche Bedenken gegen die oft kaum lesbaren Tattoos. Auch trauten sie den Blutgruppen-Typisierungen und den sie durchführenden Personen nicht. Sie hielten den gesamten Prozess für zu fehleranfällig, gerade während einer nationalen Krise wie einer nuklearen Auseinandersetzung. Außerdem kam gleichzeitig der Koreakrieg zum Erliegen, was das Aus für „wandelnde Blutbanken“ und die Operation Tat-Type besiegelte. Später kam hinzu, dass angesichts der Erfindung der Wasserstoffbombe und immer stärkerer Sprengköpfe die Vorbereitungen im Hinblick auf Zivilverteidigung als weitestgehend nutzlos und überflüssig angesehen wurden.

Was bleibt

Operation Tat-Type ist nun eine Cold War-Story, die die kaum lesbar tätowierten, damaligen Grundschüler ihren Enkeln erzählen.

Quelle: https://www.jaad.org/article/S0190-9622(07)02359-6/fulltext#back-bib1

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