Sedlik v. Von Drachenberg (Kat Von D): Darf man ein Foto als Tattoo nachstechen – und was würde Deutschland daraus machen?
Zusammenfassung der Vorgeschichte: Wie es überhaupt zum „Kat Von D Tattoo“-Copyright-Prozess kam
1) Das Ausgangswerk: ein ikonisches Foto von Miles Davis (1989)
Der Kläger Jeffrey B. Sedlik ist ein professioneller Fotograf. 1989 fertigte er eine heute vielzitierte Fotografie des Jazzmusikers Miles Davis an. Das Bild zeigt Davis in dunkler, dramatischer Ausleuchtung vor schwarzem Hintergrund mit einem „Shh!“-Gestus (Finger vor den Lippen). Sedlik schilderte, er habe für den Ausdruck gezielt inszeniert: u. a. Fingerposition, Styling, Kleidung/Schmuck, Pose/Mimik sowie Licht- und Kameraeinstellungen. Das Foto wurde 1994 beim U.S. Copyright Office registriert und blieb registriert.
Wichtig (weil später für „Markt“ und „Fair Use“ relevant): Sedlik vergab Lizenzen für Reproduktionen/Displays/Derivate; eine Tattoo-Lizenz gab es in der Vergangenheit offenbar einmal – rückwirkend und ohne Geldforderung.
2) Das Tattoo: „Foto als Referenz“ → realistische Tätowierung (2017)
Die Beklagte Katherine Von Drachenberg (Kat Von D) tätowierte 2017 einen Freund (Blake Farmer). Er wollte ein Miles-Davis-Motiv – und schickte als Referenz genau Sedliks Foto. Kat Von D erstellte zunächst eine Skizze/Tracing (Tracing Paper über Kopie), nutzte dann einen Stencil (u. a. über ein Thermal-Fax-Verfahren) und tätowierte anschließend überwiegend „freehand“ (im Urteil ist von „99% freehand shading“ die Rede).
3) Social Media: Prozess-Posts & fertige Ergebnisse
Parallel veröffentlichte Kat Von D bzw. das Umfeld mehrere Social-Media-Inhalte rund um die Tätowierung. Einige dieser Inhalte zeigten die Referenzfotografie im Hintergrund während des Tätowiervorgangs.
4) Die Klage: Copyright-Infringement in Kalifornien
Sedlik entdeckte Tattoo und Posts, versuchte zunächst Kontakt aufzunehmen und klagte schließlich in Kalifornien auf Copyright Infringement (Urheberrechtsverletzung). Das Verfahren ging bis zur Juryverhandlung.
5) Das Jury-Ergebnis (2024): Tattoo und mehrere Posts = keine „substantial similarity“, Prozessbilder = „fair use“
Die Jury kam zu einem – für viele, auch mich, überraschenden – Ergebnis:
Sechs Werke (u. a. Tattoo, Skizze und mehrere Posts) seien nicht „substantially similar“ zum Foto gewesen.
Für vier Prozessbilder (die beim Tätowieren entstanden) gab es eine Besonderheit: Die Beklagten räumten ein, dass diese Prozessbilder „substantially similar“ seien, weil sie das Foto selbst im Bild zeigten. Die Jury fand aber: nicht rechtswidrig, weil Fair Use.
Sedlik stellte nach dem Prozess u. a. Anträge auf „Judgment as a Matter of Law“ (vergleichbar: „Das Urteil war objektiv falsch, bitte korrigieren“). Er verlor – und ging in Berufung.
Was das Berufungsgericht entschieden hat: Ninth Circuit bestätigt das Urteil – aber aus prozessualen Gründen (und mit viel Bauchschmerzen)
Am 02.01.2026 entschied das United States Court of Appeals for the Ninth Circuit (das US-Berufungsgericht) über den Fall. Es veröffentlichte
eine publizierte Entscheidung (prägend für die Rechtslage im Ninth Circuit) zu „substantial similarity“, und
parallel eine unveröffentlichte Memorandum-Entscheidung zu weiteren Punkten, u. a. Fair Use.
A. Das Berufungsgericht lässt die Ablehnung des Summary Judgment nicht mehr prüfen
Sedlik wollte u. a. erreichen, dass das Berufungsgericht sagt: „Schon vor dem Prozess hätte es Summary Judgment geben müssen.“ Der Ninth Circuit sagt im Kern: Nach einer vollständigen Juryverhandlung ist die frühere Ablehnung des Summary Judgment grundsätzlich nicht mehr revisibel, außer es geht um eine rein rechtliche Frage unabhängig von Tatsachenstreitigkeiten. Hier gab es aber mehrere Tatsachenfragen (Similarity, Fair Use etc.). Deshalb: kein Review.
Warum ist das relevant?
Weil es zeigt, wie hart Prozessrecht in den USA Entscheidungen prägt: Selbst wenn man meint, etwas sei „offensichtlich“, ist nach einer Juryverhandlung die Tür für „wir drehen den Film zurück“ fast immer zu.
B. Keine Korrektur des Jury-Urteils: Intrinsic Test = „Jury territory“
Im US-Copyright brauchst du für „unlawful appropriation“ typischerweise substantial similarity. Im Ninth Circuit läuft das über zwei Tests:
Extrinsic Test: objektive Vergleichbarkeit der schutzfähigen Elemente (Filtern von Unschützem).
Intrinsic Test: subjektiver Eindruck des „ordinary reasonable observer“ („total concept and feel“), ohne Expert*innenanalyse – klassisch Juryfrage.
Die Berufungsrichter sagen:
Die Jury hat den Intrinsic Test verneint („nicht intrinsically similar“). Und weil der Intrinsic Test traditionell „faktisch“ ist und man Jury-Verdicts hier kaum antasten darf, bleibt das Verdict stehen. Konsequenz: Wenn der Intrinsic Test scheitert, muss das Berufungsgericht den Extrinsic Test nicht einmal mehr auswerten.
C. Fair Use (Prozess-Posts): Bestätigung in der unveröffentlichten Entscheidung
In einer separaten (nicht zur Veröffentlichung bestimmten) Memorandum-Entscheidung bestätigt das Berufungsgericht das Fair-Use-Ergebnis für die vier Prozessbezogenen Posts, im Wesentlichen:
Prozedural: Sedliks „Judgment as a Matter of Law“ zu Fair Use war teilweise schon deshalb abgeschnitten, weil er im Trial nicht alle prozessualen Schritte korrekt gesetzt hatte.
Materiell: Es gab nach Ansicht des Gerichts genug Anhaltspunkte, dass die Prozessposts einen anderen Zweck hatten als das Foto (Prozess zeigen statt Porträt) und dass der kommerzielle Bezug nicht „direkt genug“ belegt war; außerdem sei der Marktschaden für Foto-Lizenzen bei diesen (teilweise pixeligen/abfotografierten) Hintergründen nicht zwingend.
Wichtig für Tattoo Artists: Das ist US-Fair-Use-Denke. In Deutschland gibt es kein „Fair Use“ als Generalklausel!
Welche abweichenden Meinungen bestehen: Zwei Richter*innen sagen sinngemäß „Das Ergebnis ist falsch – unser Test ist kaputt“
Und jetzt kommt der Teil, der die Tattoo- und Fotowelt so aufhorchen lässt:
Es gab keinen Dissens im Ergebnis (alle bestätigen), aber zwei sehr deutliche Concurring Opinions:
Judge Wardlaw: Zustimmung zum Ergebnis – aber fordert, den Intrinsic Test grundsätzlich zu überdenken oder sogar abzuschaffen.
Judge Johnstone (mit Wardlaw): extrem ausführliche Kritik; er hält die heutige „total concept and feel“-Praxis für eine Art „Vibes-Check“, der Jurys zu unkontrollierten Ergebnissen verleitet und praktisch kaum überprüfbar ist.
1) Kernkritik: Der Intrinsic Test ist „standardlos“ – und kollidiert mit dem Copyright Act
Wardlaw argumentiert: Der Intrinsic Test, wie er aktuell funktioniert, sei „virtually devoid of analysis“ und führt dazu, dass Jurys am Ende über komplexe Schutzbereichsfragen entscheiden, ohne echte juristische Leitplanken. Außerdem: Der Fokus auf „concept“ und „feel“ sei problematisch, weil das US-Copyrightgesetz den Schutz von Ideen/Konzepten gerade ausschließt (Section 102(b)).
2) Besonderes Problem: Vergleich zwischen unterschiedlichen Medien (Foto vs Tattoo)
Wardlaw betont eine praktische Realität: Ein*e „ordinary observer“ kann bei verschiedenen Medien (Fotografie vs Tattoo auf Haut) ganz anders „fühlen“, selbst wenn ausdrucksstarke Elemente übernommen wurden. Das begünstigt „clever thieves“, weil Unterschiede im Medium und in der Umsetzung den Gesamteindruck verändern können, obwohl Schutzsubstanzen kopiert wurden.
3) Johnstones Punkt: „Es ist 100% gleich – aber Jury sagt nein“
Johnstone zeichnet ein sehr konkretes Bild: Die Tattoo-Arbeit basierte auf Tracing/Stencil/Referenz daneben. Er listet schutzrelevante Elemente auf, die aus seiner Sicht übernommen wurden (Pose/Handstellung, Licht/Schatten, Perspektive, Ausdruck etc.) und verweist darauf, dass im Umfeld sogar damit geworben worden sei, es sei „100% genau wie die Referenz“. Nach seiner Auffassung: Unterschiede, die nur aus dem Medium resultieren, dürften das Ergebnis nicht kippen.
4) Die größere Systemkritik: Der Test benachteiligt Kläger*innen strukturell
Johnstone beschreibt (sehr lesenswert), warum dieses System nicht nur „einmal unglücklich“ ist, sondern strukturell:
Kläger*innen können wegen Intrinsic-Test-Logik selten früh gewinnen (Summary Judgment)
und wenn die Jury „kein Gefühl“ hat, ist das Ergebnis praktisch nicht revisibel.
Umgekehrt können Beklagte häufiger über den Extrinsic Test (Filterung) Urteile angreifen.
Warum wurde trotzdem so entschieden? (Spoiler: Berufungsgerichte sind keine „Super-Jurys“)
Wenn du dich fragst: „Wie kann das Berufungsgericht nicht einfach sagen: Das war doch 1:1 kopiert?“ – die Antwort ist juristisch eher trocken, aber mega wichtig:
Standard of Review: Nach Jurytrial ist die Schwelle extrem hoch, ein Verdict zu kippen.
Intrinsic Test = Fact Finder: Der Ninth Circuit behandelt die Frage „total concept and feel“ als genuin faktisch – und will Jurys nicht ersetzen.
Prozessrechtliche Schranken (Summary Judgment Review nach Trial; Rule-50-Hürden etc.) schieben den Riegel vor.
Kurz: Das Berufungsgericht sagt nicht zwingend „alles sauber“, sondern eher: „Unter unserem System dürfen wir das so nicht umschreiben.“
Konsequenzen der abweichenden Meinungen: Was kann daraus werden?
1) En-banc-Risiko/Chance: Der Ninth Circuit könnte sein Copyright-Testsystem reformieren
Die concurrences sind – freundlich gesagt – eine Einladung, das Thema en banc (also vor dem größeren Richter*innengremium) zu prüfen. In der Fachkommentierung wird genau das diskutiert: Der Fall könnte ein „Anlass“ sein, den Intrinsic Test zu entschlacken oder zu ersetzen.
Wenn das passiert, kann sich die „Spielregel“ ändern:
Mehr Fälle könnten wieder stärker über objektive Filterung/Schutzsubstanzen laufen.
Weniger „Vibes“, mehr „Elemente + Schutzbereich + Übernahme“.
2) Praktische Wirkung in den USA: Tattoos nach Fotos könnten riskanter werden – je nach Reform
Aktuell hat Kat Von D „gewonnen“; rein praktisch könnte das Tattoo Artists erstmal beruhigen. Aber: Wenn der Ninth Circuit die Tests reformiert, könnte künftig eher gelten:
„Wenn du schutzfähige Foto-Elemente wirklich übernimmst (Komposition, Licht, Ausdrucksarrangement etc.), dann ist das auch dann relevant, wenn es auf Haut statt Papier passiert.“
Genau das ist die Stoßrichtung der concurrences.
3) Social Media: „Prozessfoto mit Referenz im Hintergrund“ ist in den USA nicht automatisch safe – und in Deutschland erst recht nicht
Auch wenn die Prozessbilder hier Fair Use waren: Das war stark von Umständen geprägt (Prozess zeigen; Markt-/Lizenzfragen; Beweisfragen; prozessuale Aspekte).
Wichtig für euch in Deutschland: Es gibt kein 1:1 „Fair Use“-Backup.
Wie wäre so ein Fall wahrscheinlich in Deutschland entschieden worden? (UrhG-Perspektive)
Jetzt der spannende Teil: Stell dir vor, das Ganze wäre kein US-Fall, sondern ein deutsches Verfahren nach UrhG – Fotograf*in vs. Tattoo Artist/Studio.
1) Schutzfähigkeit des Fotos in Deutschland: sehr wahrscheinlich ja (mindestens § 72 UrhG)
In Deutschland sind Fotos urheberrechtlich in zwei Ebenen geschützt:
Lichtbildwerk (§ 2 Abs. 1 Nr. 5 UrhG i. V. m. § 2 Abs. 2 UrhG), wenn eine persönliche geistige Schöpfung vorliegt.
Lichtbild (§ 72 UrhG) als Leistungsschutzrecht mit niedrigerer Schwelle, selbst wenn die Werkhöhe nicht erreicht wird.
Bei einem ikonischen, bewusst inszenierten Portrait (Pose, Licht, Anordnung, Ausdruck) spricht vieles dafür, dass man zumindest § 72 UrhG sicher hätte – oft sogar Werkqualität.
Praxis-Fazit: Die Klägerseite hätte in Deutschland wahrscheinlich kein „Schutzfähigkeitsproblem“.
2) Tattoo als „Vervielfältigung“ bzw. „Bearbeitung/Umgestaltung“: hoher Verletzungsverdacht
Wenn ein Tattoo (fotorealistisch) ein Foto als Vorlage nutzt und wesentliche kreative Entscheidungen (Licht-/Schattenführung, Komposition, Perspektive, Ausdruck etc.) übernommen werden, liegt in Deutschland regelmäßig nahe:
Vervielfältigung (§ 16 UrhG) „in beliebiger Form“ – die Haut ist nur ein anderes Trägermedium.
Zusätzlich kann eine Bearbeitung/Umgestaltung (§ 23 UrhG) im Raum stehen, weil das Werk in eine andere Werkform übertragen wird.
Das ist keine „Theorie aus dem Elfenbeinturm“ – praktisch ist das exakt das, was Tattoo Artists machen, wenn sie „Foto-real“ nach Vorlage arbeiten.
Aber: „Es ist ja nur privat auf der Haut“ – hilft das?
Das ist der Klassiker in Gesprächen: „Das sieht doch nur die Kundin.“
Juristisch sind zwei Ebenen zu trennen:
Das Anfertigen (Tattoo stechen): ist schon die Herstellung einer Kopie/Umgestaltung.
Die Veröffentlichung/Verwertung (Fotos auf Insta, Website, Ads): ist oft der zweite große Hebel.
Bei der reinen privaten Nutzung könnte man reflexartig an Privatkopie (§ 53 UrhG) denken. Aber: Bei Tattoos wird es heikel, weil § 53 (je nach Fallkonstellation) nicht passt, wenn eine entgeltliche, handwerklich-künstlerische Dienstleistung ein neues Werkexemplar schafft – und nicht bloß eine „Papierkopie“ oder vergleichbare Privatkopie durch Dritte. (Und selbst wenn man darüber streitet: Auf diese Verteidigung sollte sich kein Studio verlassen.)
Realistisch wäre in Deutschland daher: Ohne Lizenz ist das Risiko für Tattoo Artist/Studio deutlich höher als „gefühlt“.
3) Social Media in Deutschland: deutlich weniger Spielraum als US-Fair-Use
In den USA kann Fair Use – je nach Konstellation – einiges abfangen. In Deutschland brauchst du hingegen eine konkrete urheberrechtliche Schranke.
Für Posts, in denen die Referenz-Fotografie im Hintergrund sichtbar ist, kommen (je nach Gestaltung) theoretisch folgende Schranken in Betracht – aber alle sind eng:
Unwesentliches Beiwerk (§ 57 UrhG): nur, wenn das fremde Werk wirklich zufällig/unbedeutend mitläuft und weggelassen werden könnte, ohne dass es „wehtut“. Bei „ich zeige den Tattoo-Prozess und habe die Referenz bewusst neben mir“ wird das regelmäßig angreifbar.
Zitatrecht (§ 51 UrhG): erfordert Zitatzweck und Belegfunktion; „Marketing-Post“ ist kein Zitat.
Pastiche/Parodie (heute § 51a UrhG): passt bei fotorealistischer 1:1-Übertragung typischerweise nicht.
Praxis-Fazit: In Deutschland wäre gerade die Social-Media-Verwertung (Prozessbilder, Vergleich „Referenz vs Tattoo“, Portfolio) oft der Punkt, an dem es richtig teuer werden kann.
4) Was würde ein deutsches Gericht wahrscheinlich zusprechen?
Typisches Paket (je nach konkretem Antrag):
Unterlassung (z. B. Verbot, Fotos/Posts des Tattoos mit Referenz weiter zu verbreiten)
Auskunft (Reichweite, Nutzung, ggf. Umsatzbezug)
Schadensersatz – oft über Lizenzanalogie („Was hätte eine Lizenz gekostet?“)
Abmahnkosten
Der Punkt, der in Deutschland praktisch besonders ist: Ein Gericht wird kaum anordnen, dass jemand sein Tattoo entfernen lassen muss (Eingriff in körperliche Integrität/ Problem Verhältnismäßigkeit). Die „Schmerzstelle“ ist deshalb meist nicht die Haut, sondern die Verwertung drumherum.
Prognosen: Welche Auswirkungen hat der Fall auf Tattoos, Tattoo-Urheberrecht und Foto-Vorlagen?
1) Auf die Urheberrechtsfähigkeit von Tattoos selbst
Der Fall entscheidet nicht die Frage „Sind Tattoos urheberrechtlich geschützt?“ – er setzt vielmehr voraus, dass es um ein Foto geht und prüft, ob Tattoo/Posts dieses Foto verletzen.
Aber indirekt passiert etwas Wichtiges:
Tattoos werden in der Rechtsprechung immer selbstverständlicher als Medium, in dem urheberrechtlich relevante Kopien/Derivate entstehen können.
Das hilft der allgemeinen Akzeptanz, dass Tattoos nicht „rechtfrei“ sind – weder als eigene Werke noch als Nutzungsform.
Meine Prognose: In Deutschland wird das Verfahren als US-Case keine Bindungswirkung haben – aber es stärkt den Diskurs: Tattoos sind im Urheberrecht längst „angekommen“.
2) Auf das Risiko, durch Tattoos Foto-Urheberrechte zu verletzen
Hier ist die Wirkung deutlich konkreter:
Das Urteil zeigt: Ein Tattoo kann (aus US-Perspektive) Gegenstand eines Copyright-Infringement-Prozesses sein.
Und es zeigt auch: Social Media ist der Brandbeschleuniger für die Intensität von Urheberrechtsverletzungen (Beweis, Reichweite, Vermarktungsaspekt).
Meine Prognose für Deutschland:
Die „Tattoo nach Foto“-Problematik wird eher zunehmen, weil
Realismus-Tattoos immer populärer werden,
Kund*innen immer mehr „Internet-Referenzen“ bringen,
und Artists/Studios immer stärker auf Content-Marketing angewiesen sind.
3) Was wäre, wenn der Ninth Circuit den Intrinsic Test reformiert?
Wenn es zu einer Reform kommt (en banc oder langfristig über neue Präzedenzfälle), steigt in den USA die Wahrscheinlichkeit, dass Gerichte stärker auf objektiv schutzfähige Elemente schauen – und weniger auf „Vibes“. Das würde Fotografinnen/Fotografen tendenziell helfen.
Das ist keine sichere Vorhersage – aber die concurrences liefern die argumentative Munition.
Was Tattoo Artists und Studios jetzt sofort daraus mitnehmen sollten
1) „Foto als Referenz“ ist nicht gleich „frei verwendbar“
Wenn ihr fotorealistisch arbeitet: Fragt euch ehrlich, ob ihr nur „inspiriert“ seid – oder ob ihr Komposition/Licht/Expression übernehmt. Je näher am Foto, desto eher braucht ihr eine Lösung (Lizenz, eigenes Shooting, deutliche Abwandlung).
2) Social-Media-Content ist ein eigener Rechtebereich
Gerade Prozessbilder mit Referenz im Hintergrund sind riskant:
In den USA kann das im Einzelfall Fair Use sein.
In Deutschland braucht ihr sehr oft eine Einwilligung/Lizenz oder müsst die Referenz so aus dem Bild halten, dass sie nicht erkennbar ist.
3) Für Studios: Prozesse schaffen (damit es nicht jedes Mal Bauchgefühl ist)
„Reference intake“: Woher kommt die Vorlage? Wer hat die Rechte?
Studio-Regel: Keine erkennbaren Referenzbilder im Hintergrund von Prozessshots.
Einwilligungen sauber trennen: Tattoo-Foto okay ≠ Referenzfoto okay.
tl;dr – die wichtigsten Learnings in 10 Sekunden
USA-Fall: Kat Von D gewann – weil die Jury „keine substantial similarity“ fühlte und das Berufungsgericht das kaum überprüfen darf.
Vier Prozessposts waren zwar „similar“, aber die Jury sah Fair Use – in Deutschland kein 1:1-Argument.
Zwei Richter*innen sagen offen: Der „total concept and feel“-Test ist kaputt und führt zu falschen Ergebnissen („Vibes statt Recht“).
Für Deutschland wahrscheinlich: Ein fotorealistisches Tattoo nach Foto + Social Media kann sehr wohl Urheberrechte verletzen; Schranken sind eng.
Praxis: Referenzen sauber klären, Social-Media-Prozesse absichern, ggf. Lizenzen/Alternativen nutzen.